Freitag, 27. Mai 2011

Zeit

"Wie gerne wäre ich ein Mensch - dann könnte ich ihnen sagen, dass es sinnlos ist, die Zeit mit Unglücklichsein zu verschwenden."

Er öffnete den Brief ein weiteres Mal und begann ihn mit aller Sorgfalt zu lesen:

"Ich möchte dir und mir eine (allzu übliche) formale Anrede ersparen, da diese nicht zum Inhalt dieses Briefes passen würde. Ich möchte wenigstens einmal - auf diesem Wege - die immer währenden konventionellen Zwänge nicht verspüren müssen, die ich dir gegenüber sonst ständig aufrecht erhalten muss. Denn ich glaube, du hast es noch nicht bemerkt.
Etwas ist angebrochen, ich habe etwas gesehen. Ich habe etwas in dir gesehen, das mich gepackt, gefesselt hat. Ich bin in die Zeit gefallen, verliere mich gänzlich in ihr - der Zeit, in der ich dich sehe.
Wenn ich dich sehe, scheint die Zeit noch viel schneller zu vergehen als üblich; wenn ich dich sehe, würde ich sie gerne anhalten, um dich noch ein kleines bisschen länger betrachten zu können.
Menschen kommen, Menschen gehen mit der Zeit. Du bleibst, du bist schon so lange geblieben. Doch wenn du für immer bliebtest, was wäre dann die Zeit? Würde sie nicht vielmehr an deiner Schönheit zu Grunde gehen und uns beide hilflos mit der Ewigkeit verschmelzen lassen? Wo ist die Zeit, wenn man sie braucht? Wie schnell vergeht dir deine Zeit, wo sich meine ohne dich doch so langsam hinschleppt? Wann wirst du mich vergessen haben? Wann wird man uns vergessen haben? Wenn jetzt die Sterne hoch oben am Himmel funkeln, wünschte ich dich bei mir, um dir meine Zeit zu schenken. Ich denke an dich, wenn ich in diese Unendlichkeit blicke; ich denke daran, dass auch wir irgendwann nur noch Dinge gewesen sein werden, die unter diesem Schwarz der Unendlichkeit litten und lebten.
Wir verflüchtigen uns mit der Zeit und ich frage mich, warum ich dich nicht länger betrachten kann.
Welches Können braucht es, diesen flüchtigen Moment des Glücks für immer einzufangen? Ich brauche mehr Zeit; doch mit dir wäre es mir egal, wenn sie noch schneller verfliegt. Du bist zeitlos, deine Seele ist zeitlos. Du lebst immer und überall, deine Seele ist hier. In Gedanken liege ich in deinen Armen, blicke stundenlang in dein Gesicht; sehe die Zeit in deinen Augen, höre Geschichten aus deinem Mund, lese Melodien aus deinen Zügen.
Was ist es? Was ist es, was dich so zeitlos macht? Es tut weh, doch das gehört immer mit dazu.
Ich habe Bedürfnis nach dir, deiner Zeit; sehe es als Kostbarstes an, wenn du sie mir schenkst. Doch weiß ich auch, dass dir deine Zeit mit mir nicht so vergeht wie die meine mit dir.
Also fing ich dein Lächeln ein und betrachte dich nun imaginär - ich erinnere mich an dich wie an nichts anderes. Dein Lächeln, es ist in mir für immer gesichert; ich trage es in meinem Herzen und wenn du irgendwann physisch aus meinem Sichtfeld verschwunden worden sein wirst, werde ich dich weiterhin in mir behalten. Ich werde dich nicht ausrangieren, werde dich nicht zu den vergessenen Gedanken legen. Du bleibst ein Teil von mir und ich schenke dir aus Liebe meine Zeit."

Eine Träne rann über seine Nase und tropfte auf den Boden. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in sein Jackett und setzte sich wieder in Bewegung. Fort von diesem Ort, um den seit einigen Jahren fast ausschließlich seine Gedanken kreisten.
Der weiße Marmor des Grabes funkelte erhaben, während er sich langsam entfernte.

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