Dienstag, 17. Mai 2011

Paradoxon.

--- ACHTUNG: NUR TEXT!!! ---
Schon 2 Jahre alt - aber immerhin eine Zeichung! ;D

Sie stand an der Ecke der kleinen Straße, die hinunter zur Uferpromenade führte. Der Regen war schon seit einigen Stunden hinaus aufs Meer gezogen und hatte eine merkwürdige Stimmung in der Stadt hinterlassen. Sie betrachtete ihre schwarzen Schuhe und ließ danach den Blick entlang ihrer Beine wandern. Schlank waren sie – und doch nicht schön, wie sie sich selbst immer zu sagen pflegte. Sie mochte es, ihren Körper zu betrachten, ihn direkt wahrzunehmen. Ihre Beine, die Arme und der Bauch waren die einzigen Stellen, die sie selbst zu sehen vermochte; der Gedanke daran, dass sie ihren Körper selbst nie so gut betrachten würde können wie die anderen Menschen, ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen und löste in ihr ein entfremdendes Gefühl aus. Doch jetzt war sie allein, keine anderen Menschen in Sichtweite: in diesem Moment hätte ihr niemand so nahe stehen können wie sie sich selbst.
Sie mochte es, nach dem Regen in der Stadt unterwegs zu sein; es waren dann nicht viele Menschen auf den Straßen, da diese lieber in ihren Häusern verweilten, um einen Tee zu trinken, währenddessen sie Romane verschlungen. Sie belächelte diese Art von Menschen – und gleichzeitig verspürte sie ihnen gegenüber Neid; sie beneidete diese Menschen, da sie lernten – sie lernten von der Welt, den Menschen, und ihren Geschichten, die in Worte auf Papier gebannt wurden. Niemals würde sie all diese Geschichten kennen, niemals würde sie erfahren, was bisher alles in Erfahrung gebracht wurde und potenzielles Wissen für sie bedeutete. Früher strebte sie nach allem Wissen – doch irgendwann erkannte sie, dass dieser Wunsch ein sinnloses Bestreben nach dem Unendlichen gewesen war. Sie hatte sich damit abgefunden nichts zu wissen; was sie wissen wollte, würde sie sich aneignen können.
Eine Taube pickte in einigen Abfällen herum, die ihr zu Füßen lagen – sie sah hungrig aus. Der Hunger der Taube schien auf sie abzufärben und so setze sie sich langsam in Bewegung, um an der Uferpromenade etwas zum essen zu kaufen. Da es noch früh am Morgen war, musste es noch frischen Fisch geben – vielleicht sogar den, den sie immer am liebsten hatte. Eventuell gab es auch den guten französischen Käse auf dem Markt; den, den ihre Großmutter immer gekauft hatte. Sie überlegte, wie viel Geld sie hatte und ob das für die Lebensmittel genügen würde. Erst jetzt bemerkte sie, wie schnell sie sich fortbewegte; ihre Arme schwenkten nach rechts, links, nach vorne, hinten und wieder von vorne. Der Geruch des Regens war noch auf der Straße, welche durch die aufgehende Sonne langsam getrocknet wurde. Heute würde es warm werden – wie es die letzten Jahre um diese Zeit auch der Fall gewesen war. Die Blumen entlang der Straße blühten in den herrlichsten Farben und das Grün der Bäume lachte ihr ins Gesicht. Sie kam am alten Park vorbei, aus dem ein großer Brunnen hervorragte; die morgendlichen Kirchenglocken tönten über die Grünfläche zu ihrer Linken. Eine Parkbank, ein dickes Ehepaar mit einem ebenso dicken Hündchen zogen an ihr vorbei; die Welt schien geheilt, der Regen schien die Schmerzen und alles Leid weggeschwemmt zu haben. Sie schaute auf die Uhr – kurz nach Zehn. Ihr Hungergefühl wurde durch ein mäßiges Geräusch aus der Richtung ihres Magens bestätigt, weshalb sie sich nun noch schneller zum Meer fortbewegte, um dort, auf der Promenade, ihr Frühstück zu kaufen. Doch der Weg zum Meer schien sich ins Endlose zu ziehen. Sie hätte vorhin wohl besser die Taube verjagen und deren Mahl essen sollen. Warum also so wählerisch? Warum immer das Beste wollen? Warum diese ganze Hektik? Dieser Stress? Diese zwanghafte Suche? — Die Suche nach dem besten Essen, der richtigen Lebenseinstellung, dem idealen Partner, der schönsten Stadt, dem ertragreichsten Beruf?


Warum nehmen wir uns durch die ständige — oft unterbewusste — Suche noch mehr von der Zeit, die wir sowieso schon zu wenig zum leben verwenden? Paradoxon. Das Leben ist ein Paradoxon an sich.

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